Mein Großvater Heinrich Müller (29. Januar 1894 - 26. Dezember 1942) war vom 03. Oktober 1913 bis zum 21. Dezember 1918 Kürassier (seit 28. Februar 1917 überzähliger Gefreiter) im Königlich Preußischen Kürassierregiment "v. Seydlitz" Nr. 7 (Magdeburgisches). Von seinen Kameraden ist wenig überliefert. Allerdings lassen sich einige Fotos zuordnen. Gleich auf dem ersten haben die drei Abgelichteten auf der Rückseite ihre Namen hinterlassen. Es sind Adolf Hesse, Gustav Zimmermann und Alfred Felleke. Der vierte Unterzeichner, E. (Ernst) Kettenbeil aus Quedlinburg, Markt 16, ist leider auf keinem der Bilder zu identifizieren. Alle vier dienten, wie auch Heinrich Müller, zu dieser Zeit in der 1. Eskadron. Das Foto erinnert an den 04. November 1914. Sieht man die ausgelassene Szene mit Schaukelpferd, Mandoline und Fächern, denkt man an Etappenleben weit hinter der Front. Die Regimentsgeschichte ("Das Kürassier-Regiment von Seydlitz (Magdeburgisches) Nr. 7, seine Geschichte" von Victor Köhler, 1935) gibt aber Auskunft darüber, dass an den Tagen um den 04. November das Kürassierregiment in schwersten Grabenkämpfen im Park von Hollebeke, 20km nordwestlich von Roubaix, lag. Die Kavalleristen waren für diese Gefechtsform weder ausgebildet noch ausgerüstet. Es fehlte an Seitengewehren und Spaten. Die Verluste des Regiments waren hoch. Und dann dieses Bild mit den ausgelassenen Kürassieren... Aufgenommen wurde die Fotografie in der nahegelegenen Stadt Roubaix unmittelbar nach der Ablösung des Kürassierregiments am 13. November. Der Mann auf dem Schaukelpferd ist Gustav Zimmermann (s. auch viertes Kameradenfoto). Er hat den schweren Kürassierpallasch umgeschnallt. Den beiden anderen kann ich die Namen auf der Rückseite nicht zuordnen. Einer von ihnen, Adolf Hesse, wird am 30. November 1916 bei Buteasca so schwer verwundet werden, dass er am 02. Dezember stirbt. Der andere, Alfred Felleke, wird wenige Tage nach der Aufnahme des Fotos, nämlich am 21. November (das Regiment wurde inzwischen nach Nordpolen verlegt) auf den vereisten Straßen mit dem Pferd stürzen und sich ein Bein brechen. Auf dem gleichen Marsch bei einem anderen Unfall quetscht sich Ernst Kettenbeil (vierter Name auf der Rückseite) die linke Hand schwer. Am 14. August 1918 wird Felleke bei Angomont schwer verwundet (Alle Angaben aus der Regimentsgeschichte). Es gibt aus diesen Tagen sogar eine zweite Fotografie. Sie zeigt Heinrich Müller (stehend) und einen unbekannten Kameraden. Wäre nicht die Widmung an meine Urgroßeltern auf der Rückseite, hätte ich meinen Großvater ohne Bart auf diesem Bild nicht erkannt. Es ist ebenfalls in Roubaix, in einem anderen Studio, aufgenommen worden. Das dritte Foto dieses Beitrages zeigt den Unteroffizier Karl Wettstein von der 5. Eskadron des Regiments in der Uniform der Regimentsmusiker. Es entstand wohl vor dem Krieg in Apolda. Die Widmung auf der Rückseite datiert vom 07. Juli 1917. Damals war das Regiment für ein Vierteljahr, von Ende Juni bis Ende September, ganz aus der Front gezogen worden um in Kurland (Region Lettlands) bei Erntearbeiten eingesetzt zu werden. Für den Landwirtssohn Heinrich Müller sicher nicht unwillkommen. Der Stab des Regiments, zu dem er inzwischen versetzt war, lag in dem Gutshaus Alt-Abgulden (heute Apgulde). Dieses Gutshaus nennt auch Wettstein in seiner Widmung. Das Foto des Hauses habe ich der o.g. Regimentsgeschichte entnommen. Eine Renovierung des Gebäudes muss kurz vor 2008 erfolgt sein (Google Earth, Panoramio). Das vierte Kameradenfoto zeigt wieder Heinrich Müller und Gustav Zimmermann. Beide müssen gute Freunde gewesen sein, denn es gibt noch ein gemeinsames Foto in Paradeuniform mit Pallasch aus der Vorkriegszeit. Nach dem Ernteeinsatz in Lettland waren viele Regimentsangehörige zu anderen Einheiten versetzt worden. Nach der Überlieferung durch meinen Vater Heinrich Müller jun., hatte sich Zimmermann freiwillig zur Infanterie gemeldet und trägt auf diesem Bild nicht mehr die Uniform des Kürassierregiments. Übrigens war er am 05. Juni 1915 bei einem Artillerieüberfall bei Kalniszki leicht verwundet worden. Das Ordensband im Knopfloch zeigt, dass beide inzwischen das Eiserne Kreuz II. Klasse trugen. Abschließen soll diesen Beitrag ein Quartierbillet. Es wies einem Offizier und meinem Großvater eine Übernachtung in dem lothringischen Städtchen Saarburg an. Die unausgefüllte Rückseite zeigt, dass die Quartiergeber, Familie Marquardt, ihre Gastfreundschaft am 10. Mai 1917 scheinbar nicht ausüben konnten, da laut Regimentsgeschichte die Einheiten sich nach zweitägiger Bahnfahrt erst am Morgen des 11. Mai in Saarburg sammelten um dann an die Vogesenfront zu marschieren. Die erhoffte Nacht in einem weichen Federbett war wohl verpasst...